Schule

 Holocaust-Überlebende erzählt in der Hauptschule Emsbüren ihre Lebensgeschichte

„Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“ Das waren die letzten Worte ihrer Mutter, bevor sie am 8. November 1943 ins Gas geschickt wurde. Worte, die Erna de Vries als Auftrag verstand. Sie erzählt ihre Geschichte auf eine lebhafte Art und Weise. Alle hören gespannt zu und werden im Laufe des Vortrags immer nachdenklicher.
Frau de Vries ist am 21. Oktober 1923 in Kaiserslautern geboren. Damals hieß sie Erna Korn. Sie hatte eine unbeschwerte Kindheit. Die Eltern erzogen sie im jüdischen Glauben. Der Vater betrieb mit einem Geschäftspartner eine Spedition. Früh verstarb der Vater.
Immer häufiger hörte man: „Juden sind unser Unglück.“ Kunden blieben im Geschäft aus und die Mutter zog sich zurück. Seitdem lebten sie vom Ersparten. In dieser Zeit hörte Erna Korn häufig von ihrer Mutter den Satz: „Das geht nicht,“ wenn sie sich etwas wünschte. Beschimpfungen, erwachsene spucken sie an und Kinder wollten plötzlich nicht mir ihr spielen, weil sie Jüdin war. Alles änderte sich für Erna Korn. Doch ihre Mutter wollte sie nicht damit belasten, weil diese sehr unter der Geschäftsaufgabe litt.
Erna Korn besuchte zunächst eine private katholische Mädchenschule, doch als die Mutter das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte, wurde sie in eine jüdische Sonderklasse in Kaiserslautern versetzt. Das Schulgebäude wird verkauft, weil die SS Platz benötigt. Aus diesem Grund begann Erna Korn eine Ausbildung als Hauswirtschafterin ein einem jüdischen Altenheim in Köln, bis sie wieder zu ihrer Mutter nach Kaiserslautern zurückkehren würde.
In Köln wird die Situation dramatisch. Ein jüdischer Mann schoss auf einen Botschafter, der starb. Grölende Horden liefen durch die Straßen. Fensterscheiben wurden zerschlagen. Plünderungen, Verhaftungen jüdischer Männer über 16 Jahre und Synagogen brannten. Als sie in der Wäscherei verhaftet wird, flieht sie, um zu ihrer Mutter zurückzukehren und ihr beizustehen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Überall ist zu hören: WIR WOLLEN KEINE JUDEN! In ihrer Not gehen sie zum Friedhof, sie wollen ihrem Vater nah sein. Als sie in die Wohnung zurückkehren, um zu sehen, was dort geschehen war, entdeckten sie ein Bild der Verwüstung: Essen, das die Mutter zubereitete, klebte an der Wand; Spiegel zerschlagen; Schranktüren herausgerissen; die Rückwand zerschlagen, Matratzen aufgeschlitzt und dann alles unter Wasser gesetzt. Nichts war mehr zu gebrauchen. Die Mutter bricht zusammen. Nachbarinnen brachten essen und trinken, obwohl sie es nicht durften. Alle Juden wurden ausgewiesen. Die Familie ging zu Verwandten nach Köln, wo sie in beengten Verhältnissen lebten. Das Heimweh der Mutter nach Kaiserslautern war sehr groß. Schließlich kehrten 1938 zurück. Erna Korn blieb dort nur kurze Zeit. Sie wollte Ärztin werden, weil sie irgendwann einmal von einem Arzt gerettet worden war. Sie zog nach Köln. Dort durfte sie, nachdem sie eine alte Dame gepflegt hatte, in einem Krankenhaus arbeiten. 1941 begann sie eine Ausbildung als Krankenschwester. In dieser Zeit trug jeder Jude einen gelben Stern mit einem schwarzen „J“. Frauen erhielten den Namen Sarah. Sie hieß nun: Erna Sarah Korn. Sie hörte von der Deportation und wollte 4 Wochen Urlaub haben, um zu ihrer Mutter nach Kaiserslautern, weil sie wissen wollte, wie es ihr geht. Bei der Gestapo musste sie eine Erlaubnis holen, sie erhielt eine Aufenthaltsgenehmigung und konnte zu ihrer Mutter nach Kaiserslautern.
Als der Aufenthalt sich dem Ende nahte, wollte die Mutter sie nicht gehen lassen. Genau zu diesem Zeitpunkt erhielt sie von der Oberin aus ihrem Krankenhaus ein Päckchen mit ihrer Uniform und dem Hinweis, dass alle Juden , die in der Wäscherei gearbeitet hatten, deportiert worden seien. Erna Korn konnte und wollte ihre Mutter nicht allein lassen. Sie arbeitete in einer Eisengießerei, die nur 7 Minuten zu Fuß von zu Hause entfernt war. So konnte sie schnell nach Hause, wenn etwas mit ihrer Mutter wäre. Die Arbeit war schwer und hart.
Im Juli 1943 bekam sie die Aufforderung: „Geh schnell nach Hause!“ Als sie dort ankam, standen die Türen offen, zwei Koffer, die sie im Vorfeld gepackt hatten, standen im Flur. Der Beamte wollte nur ihre Mutter mitnahmen. Erna Korn bettelte den Mann an, sie auch mitzunehmen, aber er verneinte. Schließlich willigte er ein, Erna könne bis nach Saarbrücken mitfahren. Auf der Fahrt versuchte sie ihn umzustimmen, doch er sagte immer: „NEIN!“ Im Gestapogefängnis in Saarbrücken angekommen, übergab der Gestapobeamte Mutter und Tochter. Bis zum Schluss hatte er Erna Korn im Glauben gelassen, sie würde von ihrer Mutter getrennt werden. „So bin ich mit meiner Mutter ins Gefängnis gekommen. Sie war unglücklich und hat geweint. Aber das war mir egal. Ich wollte bei meiner Mutter sein.“
Am nächsten Tag sollten alle Juden nach Ausschwitz gebracht werden. 5 Tage lang fuhr der Zug nach Ausschwitz. Juden standen eng aneinander gerückt im Waggon- ohne essen und trinken. In einer Ecke des Waggons verrichtete man seine Notdurft. Nach 5 Tagen kam man in Ausschwitz endlich an. Zunächst wurden die Leichen aus dem Waggon entfernt. Wer es überlebt hatte, musste eine Rampe entlang gehen und wurde erschossen. Das hatten Erna Kern und ihre Mutter gehört.
In Ausschwitz angekommen, sah alles so aus, als ob sie einen Saunabesuch machen würden. Sie mussten sich in einer Reihe aufstellen. Ihren Koffer stellten sie auf einen Tisch- sie sahen ihn nie wieder. Dann mussten sie sich ausziehen- auch die Unterwäsche. Sie mussten ihren Schmuck ablegen und in einen Korb legen. Alles war weg, sie haben ihn nicht wiedergesehen. Dann wurden sie rasiert- an allen Stellen, die Haare hatten. Anschließend wurden sie desinfiziert mit einer stinkenden Brühe. Zum Schluss erhielt jeder Jude eine Nummer, die in den linken Unterarm tätowiert wurde. Frau de Vries schiebt ihren linken Ärmel ihrer Jacke hoch. Sie zeigt ihre Nummer, die sie bis heute behalten hat. Stille im Raum.
Nachdem jeder Jude fertig war, ging es zur Einkleidung. Es gab gestreifte Kleidung und Pantinen- ein Holzbrett mit einem Riemen aus Stoff. Man wurde fußkrank davon.
So eingekleidet war die nächste Station eine 4-wöchige Quarantänezeit. Das bedeutete, dass man tagsüber auf einer „wiese“ in der Sonne lag. Am konnte dem Boden nicht ansehen, dass es eine Wiese war. Dort gab es keinen Schutz vor der Sonne oder vor dem Regen. Es herrschte Gebrüll und man wurde geschlagen. Duschen gab es nicht, deshalb benetzte man die Hände. Wie diese nach kurzer Zeit aussahen, kann man sich vorstellen.
Nach 4 Wochen kamen sie in sogenannte Pferdeställe. Dort waren sie zu viert untergebracht. Sie erhielten eine Steppdecke, aus der die Wolle herausquoll und die voll mit Ungeziefer war.
Jeden Tag mussten sie zu einem Teich, der 1,5 km entfernt war, um dort im Teich das Schilf herauszuholen. Es gab keine Wäsche zum Wechseln oder ein Handtuch, um sich abzutrocknen. Die Arbeit war hart und Erna Kerns Mutter litt unter den Strapazen.
Dann folgte die Selektion. Jeder wusste, was das bedeutete: man wurde zum Arzt geschickt, der entschied, ob man arbeitsfähig war oder nicht. Nur im Schlüpfer stand man vor dem Arzt- ein beschämendes Gefühl. Erna de Vries kam in Block 25 unter. Der Block war überfüllt. Es gab keinen Platz zum Sitzen oder hinlegen. Es gab keine Latrinen- nur Eimer, in die man seine Notdurft verrichten konnte. Die ganze Zeit über brannte das Licht. Man konnte nicht schlafen.
Am nächsten Morgen sollten alle vergast werden. Im Innenhof stellten sich alle auf. Plötzlich kam ein Wagen angefahren, ein SS- Mann stieg aus. Es wurde geschrien: „Los raus!“ Alle drängten zurück. Es wurde geschlagen. Ich dachte nur: „ich möchte leben! Ich möchte die Sonne sehen!“, sagte Frau de Vries. Überall herrschte Panik. Auf einmal hört sie ihre Nummer. Ihre Nummer auf dem Arm wird mit einer Karteikarte verglichen. „Du hast Glück gehabt!“, sagt ihr jemand. Sie kam nach Ravensbrück. Mischlinge sollten nach Ravensbrück gebracht werden.
In Ravensbrück wurde sie in einem Tagesraum untergebracht. Dort gab es eine Tsechein, die ihr jede Woche von ihrem Brot, in das Sägemehl gemischt wurde, abgab. Diese Menschlichkeit berührte sie sehr. Frau de Vries achtete sehr auf sich, denn sonst hatte man verloren. Immer wieder wurden 2 oder 3 Frauen gesucht, die für die Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Sie wurde erst 44 genommen.
Am 8. November 1943 ist ihre Mutter verstorben. Frau de Vries dankt Gott dafür. So wird ihre Mutter von keinem mehr gequält.
Zum Ende des Krieges steht es mit ihr nicht zum Besten. Sie ist halb verhungert und am Ende ihrer Kräfte. Es gab immer wieder fadenscheinige Begründungen, warum die Menschen nichts zu essen bekamen. Es hieß Vernichtung durch Arbeit.
Dann im April 1944 sagt ein Mann: „Holt ein Stück Stoff und holt euch Brot. Ihr werdet in Marsch gesetzt.“ 7 Tage lang marschierten sie- halb verhungert. Nachts mussten sie im Graben schlafen. Der Proviant war bereits nach zwei Tagen aufgebraucht. Sie konnte nicht mehr. Schließlich sagte ein SS-Mann morgens um 5 Uhr, sie könnten sich für zwei Stunden ausruhen. Als es dann wieder weitergehen sollte, wollte Erna de Vries nicht mehr. Sie war am Ende. Ihre beiden Freundinnen redeten immer wieder auf sie ein. Schließlich stand sie auf und ging weiter. Nach einer Stunde sahen sie hinter einer Bergkuppe einen amerikanischen Jeep. Er kam auf sie zu und rief etwas. „ Wir waren frei!“